Bevor wir auf unseren spezifischen Wirkungsort im Besonderen eingehen, wollen wir hier einige Daten über Indien im Allgemeinen anführen: Von den weltweit rund 1,3 Milliarden Armen leben etwa 40 % auf dem indischen Subkontinent. Fast jeder dritte Inder wird von der Regierung als arm eingestuft. Damit ist die Zahl der Armen etwa so hoch wie die gesamte Einwohnerzahl der EU. Konkret heisst das, dass von der etwa eine Milliarde zählenden indischen Bevölkerung:

  • 650 Millionen Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen haben

  • 290 Millionen Menschen Analphabeten sind

  • 226 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben

  • 62 Millionen Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind

Der Bundesstaat Madhya Pradesh, in dem unser Wirkungsort liegt, weist unter allen Bundesstaaten Indiens den drittgrössten Anteil (45% !) an Menschen auf, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Der überdurchschnittlich hohe Anteil an Ureinwohnern (Adivasi), die auf der untersten sozialen Stufe stehen, steht in direktem Verhältnis zu dieser enorm hohen Armutsrate.


Madhya Pradesh hat eine Fläche von 308.209 km² und 72,6 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011), wovon 44% Analphabeten sind. Auf 6800 Einwohner kommt ein Arzt und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 55,5 Jahren. (Zum Vergleich mit der Schweiz: Hier gibt es einen Arzt auf rund 500 Einwohner und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 80 Jahren). In manchen Distrikten mit hohem Adivasi-Anteil liegt die Analphabetenrate bei nahezu 100%. Es kann also praktisch keiner in den Dörfern lesen und schreiben.

Angesichts der politischen Entwicklungen der letzten paar Jahre scheint jedoch eine Verbesserung dieser Situation utopischer denn je. Da Politik der indischen Regierung in dieser Hinsicht bisher versagt hat, sehen viele Menschen ihre einzige Hoffnung in den privaten Initiativen und den verschiedenen Missionsstationen auf dem Land. Eine dieser Missionsstationen haben wir bei unserem Indienaufenthalt im Jahre 2002 näher kennengelernt und wir haben uns daher entschlossen, diese und andere Missionsstationen im Bezirk Jhabua weiterhin zu unterstützen.

Bei der oben genannten Station handelte es sich zuerst um die Mission von Father Edward Sarel in Dattigaon. Father Edward, selbst ein Adivasi, also ein Mann aus dieser Gegend und ebenfalls in einem Dorf in grosser Armut aufgewachsen, erhielt nach seinem Philosophie- und Theologiestudium die Möglichkeit, die Leitung der Dattigaon Mission zu übernehmen. Nachdem er dort im Jahr 1998 mit 25 Kindern seine Arbeit begann, erhielten bis im Jahr 2010 fast 500 Kinder täglich warmes Essen, Unterkunft, Ausbildung und medizinische Versorgung. Wie wir selber erfahren durften, widmete sich Father Edward dieser Aufgabe seit Jahren mit vollem Engagement und vor allem mit viel Liebe für die Kinder und für "seine Leute" aus den Dörfern. Vor allem letztere spürte man sofort, wenn man die lachenden und fröhlichen Gesichter der Kinder sah und die einen umringten, sobald man die Mission betrat. Vor allem fiel uns auf, dass Father Edward keine „Missionsarbeit“ im herkömmlichen Sinn, d.h. durch Anwerbung neuer Gläubiger betrieb, sondern dass alle Kinder, gleich welcher Religion, bei ihm willkommen waren. Die Kinder stammten ausschliesslich aus armen Adivasi-Familien, sind also indische Ureinwohner, die entweder Hindus sind oder aber alten Stammesreligionen angehören.

Von den Kindern wurden bis zur 8. Klasse in der Mission selbst unterrichtet, die anderen besuchten täglich die nächstgelegenen Regierungsschulen. Der Unterricht in der Mission fand seit 2004 in der von "together" neu erbauten Primarschule statt.

Die Kosten für Schulmaterial, Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung belaufen sich im Schnitt auf rund 15.- CHF pro Kind und Monat. Wobei in den meisten Fällen nicht einmal dieser geringe Betrag von den Familien der Schüler selbst aufgebracht werden kann.

Zudem ermöglicht Father Edward durch seine Unterstützung einigen jungen Leuten seiner Mission ein Studium in Indore, der nächst grösseren Stadt. Diese studieren meist Medizin, Maschinenbau oder Jura, um später selbst eine Aufgabe in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen zu können. Durch diese weitsichtige „Hilfe zur Selbsthilfe“ kann ebenfalls weitere Not gelindert werden und es wird eine zukunftsorientierte Basis für eine neue Gesellschaft geschaffen, in der die bestehenden Strukturen hoffentlich zum Besseren hin verändert werden können. Denn nur eine gute Ausbildung ihrer Mitglieder kann eine Gesellschaft schliesslich aus der Armut befreien. Durch wachsende Bildung wird sich hoffentlich auch das Bevölkerungswachstum regulieren und die Menschen werden ein besseres Verständnis für Hygiene, Gesundheitsförderung und ein umfassenderes Umweltbewusstsein entwickeln. Um jedoch den Kopf füllen zu können, muss zuerst der Bauch voll sein, weshalb eine Arbeit an dieser Basis so wichtig ist.

Der Grundgedanke von „together“ ist es dort zu helfen, wo die Not am grössten ist, von Mensch zu Mensch, ethnisch, religiös und politisch unabhängig. Dabei wird die Auswahl der Hilfsaktionen von der der Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ begründet. In Gesprächen mit den Dorfältesten werden die dringlichsten Probleme erörtert und Lösungen gesucht. Von zentraler Bedeutung sind vor allem Projekte in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheit und Ausbildung. Die Nahrungsmittelgewinnung gestaltet sich durch wiederkehrende Dürreperioden als besonders schwierig. Die dadurch resultierende Mangelernährung und die völlig unzureichende medizinische Versorgung schaffen eine wirklich existentiell bedrohliche Lebenssituation. Das Problem der hohen Analphabetenrate, ist mit eine Ursache für die zunehmende Verschuldung und Diskriminierung der Stammesgesellschaften.

Durch unsere alljährlichen Reisen nach Indien war es uns möglich, über 20 dieser abgelegenen Dörfer persönlich zu besuchen. Dies ist immer sehr eindrücklich für uns, wie auch für die Einwohner selbst, die zum Teil noch niemals in ihrem Leben Weisse gesehen haben. Bei unseren Besuchen nehmen wir einen Augenschein der Situation im jeweiligen Dorf, überwachen bereits begonnene oder auch schon abgeschlossene Projekte und nehmen auch neue Anliegen der Dorfbewohner auf, wobei Father Edward als Übersetzer eine unentbehrliche Hilfe darstellt. Wir werden dabei mit Problemen konfrontiert, die von so existentieller Art sind, dass es für uns teilweise kaum vorstellbar ist, dass die Menschen hier überhaupt leben können. Trotzdem wurden wir überall sehr herzlich empfangen und die Leute teilen sogar das Wenige, das sie haben mit uns. So wurden wir unzählige Male zum Tee oder sogar zum Essen eingeladen. Angesichts der dort herrschenden Armut eine wirklich sehr grosszügige Geste und eine Ehre für uns.

Manoj, Jagdish, Barbara, Hans und Father Edward
Adivasi-Gehöft Biscuits als wichtige Nahrungsergänzung


Als eines der grössten Probleme wurde immer wieder die Wasserknappheit angeführt. Das Wasser muss teilweise über mehrere Kilometer (meist durch Frauen, welche die Wasserbehälter auf dem Kopf tragen) herangeschafft werden. Manche Dörfer sind völlig vom Regen abhängig, da sie über keine eigenen Brunnen verfügen. Das bedeutet für viele ein andauernder Überlebenskampf; kein Regen – keine Ernte. Das heisst im Klartext entweder hungern oder wegziehen. So verlassen dann auch viele Dorfbewohner, wenn nicht für immer, dann zumindest für einige Monate im Jahr, ihre Dörfer, um in den Steinbrüchen von Rajasthan oder in den Grossstädten Arbeit anzunehmen. Über die Lebensbedingungen dort möchte ich hier nicht näher eingehen. Nur soviel, dass wir in Indore einige dieser Slums, in denen die Arbeiter wohnen, gesehen haben. Die Lebensbedingungen dort sind schlichtweg katastrophal und absolut menschenunwürdig.

Slums in der Nähe von Dhar  


Nachdem wir bei unzähligen dieser Besuche die verschiedensten Anliegen aufgenommen haben, werden nach Absprache mit Father Edward und anderer Beteiligter die dringendsten Projekte ausgewählt. Dann werden die nächsten Schritte geplant und nach der Sicherstellung der Finanzierung mit der eigentlichen Arbeit begonnen.

In den letzten Jahren wurden von "Together" auch zunehmend andere Missionstationen unterstützt. So konnten in der Missionsstation Mohankot von Father Marcel ein neues Wohnheim und in der Missionstation Unnai eine neue Primarschule gebaut werden (mehr dazu unter der Rubrik "Projekte"). Da Father Edward im Jahr 2011 mit einem neuen Aufgabenbereich betraut wird (Aufbau einer neuen English Medium School in Jobat), wird sich unsere Arbeit ab dann vermehrt auf andere Missionsstationen in den Distrikten Dhar und Jhabua konzentrieren.